Eine Serie von Karin Schliffke


Paul Eßer, zuerst veröffentlicht am 23. Mai 2004

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Kalendarische Angaben beziehen sich in aller Regel auf den Zeitpunkt der Erstveröffentlichung.



Paul Eßer in seinem Garten; Foto: Karin Schliffke, Mai 2004
Paul Eßer – Pädagoge, Romancier, Lyriker und Kritiker


Paul Eßers Lieblingsplatz; Foto: Karin Schliffke, Mai 2004
Die Küche ist der liebste
Lese- und Arbeitsplatz
des Niederrheiners


Der Dichter und die Gitarre; Foto: Karin Schliffke, Mai 2004
Der Lonesome Rider
und seine Gitarre

 

Der Wortmacher

Am Pfingstsonntag wird er 65 Jahre alt. Um den heiligen Geist hat der Studiendirektor a. D. nie gebeten. Paul Eßer besticht auch so als Pädagoge, Romancier, Lyriker und Kritiker durch seine klaren, offenen und nichts beschönigenden Worte und Taten.

Viersen. »Wasser, Kaffee, Bier oder Schnaps?« Um 17 Uhr an einem ganz normalen Werktag. Bei einem Interview mit einer Frau. Wasser gewinnt. Paul Eßer inszeniert das Klischee, sein Klischee. Ein saufender alternder Schriftsteller, ein Macho, der nur deshalb nicht mehr raucht, weil er Asthma hat. Der Wildwest-Filme liebt. »Lonely are the brave«. Besonders Gary Cooper in »High Noon«. Der einsame Cowboy, der für das Gute kämpft. Allein. Also »High Noon am Niederrhein«?

Paul Eßer wehrt ab. »Das wäre dann doch wohl ein bisschen zu einfach.« Und einfach ist dieser Mann wirklich nicht. Einfach zu durchschauen schon gar nicht. Ihm einfach auf den Leim gehen? Wenn er von Revolutionen, Kämpfen, Brigaden in Cuba, Nicaragua und Portugal erzählt und von der Rolle, die er dabei gespielt hat. Von Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg am Niederrhein, angeführt von Paul Eßer. Von seinem Freund Günter Wallraff, den er bei Recherchen unterstützt hat. Davon, wie die »politische Polizei« sein Haus in Brand steckte.

Beim ersten Durchlauf klingt das alles ein bisschen nach Räuberpistolen. Nur sind es keine. Es ist erlebtes Leben. Sein Leben. Ein bewegtes, pralles Leben, um wieder mal ein Klischee zu bedienen. Da passt es perfekt ins Bild, dass er sich einmal mit einem Nebenbuhler geprügelt hat.

Paul Eßer war Beamter, Lehrer. Und diesem Klischee entspricht er nun wiederum gar nicht. Und seine Begründung für diese Berufswahl ist für wohlmeinende Gutmenschen wohl eher ein Schlag ins Gesicht. »Drei Monate Ferien, ein Halbtagsjob und eine ordentliche Bezahlung.« Er lacht. Ganz kurz.

1939 geboren, am 30. Mai, an dem Tag, an dem der Schlager die Welt untergehen lässt. Vater Paul, ein Gegner der Nazis, muss seinen Beruf als Lehrer aufgeben, steht mehrere Male vor Gericht. Um sich dem zu entziehen, meldet er sich zur Wehrmacht, nach dem Krieg gerät er in Gefangenschaft. »Meine Familie war vor allem teilweise.« Mutter Hedwig flieht mit den drei Kindern aus Deutschland. Zuerst nach Österreich. Hier sieht der Dreikäsehoch, wie Nachbarn erschossen werden und das Kindermädchen stirbt. »Zuvor gingen noch 21 Russen darüber, bis die Därme raushingen.« Und wieder dieses typische kurze Auflachen.

Einmal wird er unter Trümmern herausgezogen. Die Flucht geht weiter ins Sauerland. Endlos erscheinende Fahrten in abgesperrten Güterwaggons. Ohne Essen und fast ohne Wasser. »Am 30. Mai ... wir leben nicht mehr lang.«

Paul Eßer hat überlebt. Die Familie kommt zurück nach Mönchengladbach, er geht aufs Gymnasium und entdeckt seine ganze große Leidenschaft: Reisen. Mit 13 Jahren haut er das erste Mal ab und trampt nach Griechenland und in die Türkei. »Das war damals eine Ungeheuerlichkeit.« Mit 18 hat er ganz Europa gesehen. Er studiert Deutsch und Englisch fürs Lehramt. »Wir beide, der Job und ich, passten gut zueinander.« Er unterrichtet zehn Jahre an einem Gymnasium in Gladbach. Avanciert auch dank seiner umfangreichen Sprachkenntnisse schnell zum Studiendirektor. Danach folgen fast zwei Jahre in Lissabon an einer deutschen Schule während der sogenannten Nelkenrevolution. Die Diktatur wird am 25. April 1974 gestürzt, er ist dabei, mischt sich ein und mit. Doch der deutsche Elternverband, »das reaktionäre Pack«, will den engagierten Lehrer nicht mehr haben, er muss gehen. »Die Schüler mochten mich.« Er kämpft weiter für eine gerechtere Welt, für mehr Selbstbestimmung, für mehr Emanzipation – und das als bekennender »Macho«. Er fährt nach Haus zu dem türkischen Vater, der seiner Tochter das Abitur verwehren will. Das Mädchen macht seinen Abschluss. Bis zur vorzeitigen Pensionierung wegen Asthma verhilft er Erwachsenen am Abendgymnasium in Dülken zur Hochschulreife.

Und er schreibt. Keine Betroffenheits- oder Kuschelreime, sondern pralles Leben in Lyrik und Prosa. Als promovierter Linguist liebt er die Sprache, kann mit ihr umgehen, erforscht sie. Seit 1985 hat er 14 Bücher veröffentlicht, darunter drei Romane. Der erste, »Jugendliebe« (erschienen 1990), wirft einen Blick auf die 1970er-Jahre, die Zeit der Wandervögel-Bewegung, Schauplatz ist die Burg Waldeck. Die beiden jüngsten, »Dealer Wallfahrt« (1999) und »Bellmans Blues« (2000), haben den Niederrhein zum Schauplatz. In »Jenseits der Kopfweiden« legt er eine kritische Geschichte der niederrheinischen Sprache und Literatur vor. Paul Eßer arbeitet sich an seiner Heimat ab, um noch einmal ein Klischee zu bedienen. Er kämpft um sie, zeigt, dass sie mehr ist als nur Kulisse für Kopfweiden à la Hanns Dieter Hüsch. Und er ist einer ihrer schärfsten Kritiker: »Der Niederrhein ist provinzieller als jede andere Provinz. Ein Land der Weggeher.«

Sein Lebensmotto sei fight and fun, sagte Paul Eßer einmal. Zum Geburtstag ein bisschen weniger Kampf und dafür mehr Spaß. Herzlichen Glückwunsch zum 65., Lonesome Rider. •

 

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