|
 Ali Haurand am heimischen Klavier
 Beim Konzert zu Alis 60. Geburtstag – mit Jiri Stivin Foto: Frank Schliffke
 Wort-Spiele beim Konzert zu Alis 60. Geburtstag Foto: Frank Schliffke
 Alis Dankesrede Foto: Frank Schliffke
 In der Pause des Geburtstagskonzerts Foto: Frank Schliffke
|
|
Der Jazz-Weltbürger
Er ist künstlerischer Leiter des Internationalen Jazz-Festivals Viersen und der Düsseldorfer Jazz-Rally, in aller Welt gibt er Konzerte, sein ständiger Begleiter ist der Kontrabass: Ali Haurand – der Jazz-Botschafter par excellence.
Viersen. Er bringt die Welt nach Viersen. Seit 1987 wird unsere kleine Stadt am Niederrhein regelmäßig im September zu einem Mekka für Jazzfreunde. Aus nahen und fernen Ländern reisen sie an, um beim Internationalen Jazz-Festival ihre Stars zu hören. In diesem Jahr spielten beispielsweise das Ron Carter Quintett, die Jazz-Rock-Band Colosseum und das Chris Potter Quartett. Wenn Ali Haurand ruft, kommen sie; er kennt sie alle, sie sind seine Freunde. Reist er doch selbst seit Jahrzehnten ständig umher, gibt auf der ganzen Welt Konzerte.
In 55 Ländern soll er so schon gewesen sein. Kein Grund für Ali Haurand zu kokettieren. »Reisen macht keinen Spaß mehr«, sagt er. Schaffte früher sein Vorname Ali schnell Nähe zu Musikern anderer Herkunft und Religion, bringt er heute massive Probleme. »In New York saß ich fast nackt bei der Passkontrolle, nur weil in meinem Ausweis der Name Ali steht«, erzürnt er sich. »Das ist reine Hysterie.«
Er regt sich auf, mischt sich ein, sagt seine Meinung, setzt Zeichen: Als Studenten-Sprecher oder beim Prager Frühling 1968. Als der jährliche Zuschuss der Stadt für den Jazz Circle, den er 1992 initiiert hat, auf läppische 500 Mark gekürzt wird, vertrinkt er die paar Kröten lieber mit den anderen Vereinsmitgliedern.
Als es in diesem Jahr wieder mal darum geht, wie viel Geld die Stadt für ihr renommiertestes Kulturereignis, das Internationale Jazz-Festival, übrig hat, bleibt Ali Haurand ruhig. »Im Gegensatz zu früher habe ich nicht telefoniert, keine Briefe geschrieben. Nichts.« Resignation? »Nein. Ich denke, mittlerweile muss klar sein, was das Jazz-Festival für Viersen bedeutet.«
Er liebt seine Heimatstadt und reibt sich an ihr. »Das sind meine niederrheinischen Wurzeln und vor allem meine Mutter Luise.« Geboren am 15. November 1943 wächst Alfred Haurand hier auf, ohne seinen leiblichen Vater je gesehen zu haben. Dieser fiel am 12. September 1943. Musik macht Ali nur aus Hobby, als Fünfzehnjähriger sieht er in der Kneipe »Zwiebel« in Dülken einen Kontrabass – der Beginn einer bislang lebenslangen (und erfolgreichen) Liebe. Laut Pressemeldungen schläft der Bass sogar im Hotelbett neben ihm, wenn er ohne seine Frau Doris reist.
Ali macht eine kaufmännische Ausbildung, will zur Hotelfachschule gehen. In der Zwischenzeit spielt er in den einschlägigen Clubs wie dem legendären »Downtown« – und er fällt auf: »Wo studierst du?« »Gar nicht«, lautet die Antwort. Doch der Floh sitzt im Ohr. Er fährt zur Folkwang-Hochschule nach Essen, spielt vor und wird zur eigenen Überraschung genommen.
Der Jobwechsel stößt zu Hause nicht gerade auf Gegenliebe. »Da war mehr Depression als Freude.« Vielleicht weil die Mutter sich insgeheim wünscht, dass ihr Sohn – sie hat noch zwei ältere Töchter – die Großbäckerei übernimmt.
Er findet seinen eigenen Weg, und die Mutter wird nach anfänglicher Skepsis treuer Fan und Ratgeberin. Er studiert in Essen und Köln klassische Musik, für Jazz gab es damals gar keine Abteilung. »Bei manchen Professoren war es ohnehin besser, nichts davon zu erzählen.« Er geht auf Tourneen und Festivals, gründet Gruppen wie das European Jazz Ensemble, nimmt zig Jazz-Platten auf, macht Radioproduktionen, arbeitet fürs Fernsehen (derzeit WDR und 3sat) und er lehrt über Jazz und seine Geschichte an der Musikschule und in Seminaren. »Viele halten Jazz für elitär oder denken nur an kreischende Wilde, dagegen hilft nur Information.«
»No more Chains« (keine Ketten mehr), heißt ein Stück, das Ali Haurand geschrieben hat. Er, der kürzlich seinen 60. Geburtstag mit einem wunderbaren Konzert und vielen Musikern im Süchtelner Weberhaus gefeiert hat, hat gefunden, was er suchte. »Die Faszination Jazz ist einfach die Faszination der dritten Sprache. Das habe ich sonst in keiner Musik erlebt. Im Jazz hast du die Möglichkeit, alles, was dich reflektiert, in der Improvisation wiederzugeben: Traurigkeit, Wut, Freude. Künstlerisch ist das eine riesige Befriedigung und persönlich eine ungeheuere Befreiung.«
Wer Ali Haurand einmal erlebt hat, wie er seinen Kontrabass zupft, wie er ihn streichelt, fordert, wie das Zupfen stärker, heftiger, fast schmerzend wird, um dann wieder sanft über die Saiten zu gleiten, spürt die Erregung, den Aufruhr, den Jazz, dessen Wurzeln in den sozialen Konflikten der Schwarzen in Amerika liegen, auslösen kann. Und auf einmal ist sie da, die große weite Welt, in Viersen. Ganz nah. So nah wie Ali Haurand. •
Weitere Informationen über Ali Haurand sowie zum Jazz-Circle Viersen und zum Jazz-Festival finden Sie auf Ali Haurands Internetseite.
Zurück zur »Kulturmacher«-Übersicht • Impressum
|