|
 Horst Jansen, macht Blatt für Blatt Kultur
 Kunst für die Wand
 In den Geschäftsräumen
 Gespannte Aufmerksamkeit während einer Verkaufsveranstaltung
Foto: Frank Schliffke
|
|
Der Einblatt-Verleger
Kunst fürs Volk, Kultur für alle. Was nach Marx und Mao klingt, macht der Viersener Horst Jansen ohne theoretisches Palaver: große Kunst für kleines Geld.
Viersen. Das Wort »Malbuch« erhält bei ihm einen eigenen Sinn. 30 Seiten ist es dick, 28 davon bemalt mit einem Aquarell. 35 Exemplare gibt es, aus jedem einzelnen hat der Künstler Norbert Prangenberg mit seinen Aquarellen ein Kunstwerk geschaffen. Den Text stammt aus der Feder von Rolf Steiner. »Tür zu«, heißt das Buch.
Wer die Tür behutsam öffnet, möchte sie kaum noch schließen – so schön und sinnlich ist das Gefühl, die einzelnen Buchseiten mit Augen und Finger zu genießen. »Tür zu«, das dritte Kunstbuch, das Horst Jansen verlegt hat, wurde 1994 veröffentlicht. Das erste war 1992 »Sieben Erzählungen aus den Jahren 1947–48«, Texte von Heinrich Böll mit Holzschnitten von Norbert Prangenberg. Und das zweite widmet sich Heinrich Heines »Aus dem Buch der Lieder«, erschienen ist es 1994. Hier hat der Künstler Martin Lersch gemalt – in Blei, Tusche, als Aquarell und mit Buntstift.
Diese Kunst hat natürlich ihren Preis – bis zu 1450 Euro kostet ein solches Werk. Nicht für jeden zu bezahlen. Also stellte sich Horst Jansen vor zehn Jahren die Frage: Warum kann ich Kunst nicht auch für den schmaleren Geldbeutel ermöglichen? Dass ihm diese Frage überhaupt in den Sinn kommt, hat beim gelernten Kaufmann viel mit der eigenen Biografie zu tun.
Geboren 1944 in Viersen, wächst Horst Jansen in einem Arbeiterhaushalt auf. Vater und Mutter schuften in der Weberei. Für Bücher und Kunst fehlt das Geld, vielleicht auch die Selbstverständlichkeit. Nach der kaufmännischen Lehre im Kaufhaus Lamp und zehn Jahren bei Kaiser’s der erste Schnitt: Mit 30 Jahren holt Horst Jansen, inzwischen verheiratet, das Fachabitur nach, studiert Sozialarbeit und kümmert sich anschließend bei der Krefelder Drogenberatung um Suchtkranke.
Der zweite Schnitt mit 50 ist etwas weicher, und er ist angekündigt. Seit zehn Jahren ernährt Horst Jansen seine Familie ausschließlich als Antiquar und Verleger. Es klappt. Er gehört nicht zu denen, die mühsam anstehende Rechnungen bezahlen und ihren unrentablen Broterwerb mit reinem Idealismus rechtfertigen. Ins – vor allem im Herbst und Winter sehr triste – Bücherdorf Breedevoort hat es ihn nie gezogen. »Das Elend schaue ich mir nicht an.« Gelernt ist gelernt, und von falsch verstandenen Berührungsängsten hält Horst Jansen eh nichts. Darum liegen bei ihm, wenn er auf Büchermärkten steht, schon mal der Konsalik oder der Simmel neben Schiller und Goethe.
Die Zeit in Krefeld schafft die Grundlage für seine jetzige Arbeit als Verleger. Hier herrscht eine rege Kunstszene, hier lernt er viele Künstler kennen. Denn die Kunst hatte es ihm schon lange angetan, aber das liegt noch länger zurück. In den Siebzigern ist Horst Jansen Mitglied im Düsseldorfer Kunstverein, er kauft sich sogar für einige Hundert Mark einen echten »Richter«. Doch dann siegen der schmale Geldbeutel und die Vernunft des jungen Familienvaters. Um weiteren Versuchungen zu widerstehen, tritt er aus dem Kunstverein wieder aus.
1994 schließt sich der Kreis, und Horst Jansen wagt ein faszinierendes Projekt: Einblatt-Drucke nennt er es. Der Blick ins Spätmittelalter brachte ihn auf diese Idee. Die Einblatt-Drucke aus dieser Zeit kündigten die Steuer an, erzählten von Heiligen oder – wie beim Flugblatt, dem Vorläufer der Zeitung – von unerhörten Ereignissen; beispielsweise Naturkatastrophen, Kriege oder Missgeburten. Der Aufbau folgte den Bedürfnissen des Volkes: Ein großes Bild lockte auch die, die wenig oder gar nicht lesen konnten, und der kurze Text erschien in gereimter Form.
Der Vorteil damals wie heute: Die Einblatt-Drucke sind erschwinglich und sind schnell betrachtet. 31 solcher Einblatt-Drucke hat Horst Jansen bisher aufgelegt. Alle in derselben Größe, alle einmal gefaltet, alle mit Text und Grafik. »Die Künstler suchen den Text aus oder schreiben ihn selbst«, sagt Horst Jansen. Wie der jeweilige Künstler dann sein Bild gestaltet, bleibt ihm ebenso selbst überlassen. Ob Holzschnitt, Siebdruck, Computergrafik und Foto, Zeichnung oder Frottage – das ist die künstlerische Freiheit. 30 Euro kostet ein signierter und nummerierter Einblatt-Druck. Die Auflage liegt bei 250 Stück. Einige sind bereits ausverkauft.
Horst Jansen spricht die Künstlerinnen und Künstler an, schreibt ihnen, besucht sie. Kennt auch da wenig Berührungsängste. »Bei Katharina Sieverding stand ich einfach vor der Tür, sie fand’s toll und hat mitgemacht.« Nicht nur sie: Mitgemacht haben Norbert Prangenberg und Martin Lersch, sie waren die beiden ersten, Georg Ettl, Herbert Achternbusch, Günther Uecker, Leiko Ikemura, Thomas Huber und Rosemarie Trockel, um nur einige zu nennen.
Nach zwei Jahren Pause erscheint in diesem Jahr wieder ein weiteres, erschwingliches Kunstwerk in seiner Einblatt-Edition. Die »Pause« war im Grund gar keine. Horst Jansen hat 26 Kunst-Blätter gemeinsam mit dem Künstlerehepaar Hildegard und Erwin Heerich verwirklicht. Mit Texten von Hermann Hesse und Bertolt Brecht. Auf einem heißt es: »Grabinschrift von B. Brecht: Ich habe Vorschläge gemacht.« •
Und hier geht es zur Edition Horst Jansen.
Zurück zur »Kulturmacher«-Übersicht • Impressum
|