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 Erik Martin, Macher der Zeitschrift »Muschelhaufen«
 Titelblatt der Ausgabe 2004
 Muschelhaufen 31/32
 Muschelhaufen 33/34
 Heft 35 aus dem Jahr 1996
> Erik Martin in seinem Arbeitszimmer
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Erik Martin: Der Muschelsammler
Rund 400 Literaturzeitschriften gibt es allein in Deutschland. Da aufzufallen und mehr als einige Ausgaben zu überstehen, grenzt fast schon an ein Wunder. Erik Martin hat es geschafft: Seit 1969/1970 gibt er die weltweit renommierte Zeitschrift »Muschelhaufen« heraus.
Dülken. Er ist angekommen. Nach langer Zeit. »Ich könnte mir außer meinem früheren Beruf als Lehrer keinen schöneren vorstellen als den, den ich zurzeit als Rentner ausführe.« Erik Martin ist Herausgeber. Sein Büro – ein kleines Arbeitszimmer in einem Reihenhaus an der Hospitalstraße 101 in Dülken. Ein Schreibtisch mit Stuhl, Computer, daneben ein größeres Zimmer mit Tisch, Sesseln und Regalen voller Bücher. Aufgeräumt. Assistentin oder Sekretärin? Fehlanzeige. Er macht alles alleine. Die Korrespondenz, die Auswahl, das Layout, das Eintüten. Sein Muschelhaufen ist etwas ganz Besonderes und ihr Gründer auch. Vielleicht nicht das, was sich die Eltern von Erik Martin unter »etwas Besonderes« für ihren Sohn, den Ältesten, vorgestellt hatten.
Geboren 1936, wächst er zunächst mehr draußen als drinnen auf. Die Eltern Illa und Ernst-Josef, beide selbstständige Zahnärzte, haben eine Sequoiafarm in Kaldenkirchen. Der Junge liebt die Bäume, den Wald – das wird ihn ein Leben lang nicht mehr verlassen – und das Abenteuer. Doch im Nachkriegsdeutschland, im Wiederaufbau, sind andere Werte gefragt. Der Junge eckt an, zeigt sich für die Adenauer-Ära zu wild, zu unangepasst. Er ist bei den Pfadfindern, stromert mit Nachbarskindern in den Ruinen herum, entdeckt die vereinzelt noch intakten Fenster einer alten Schmiede als Zielobjekt für Schießübungen mit Pfeil und Bogen. Die Spitzen hat er in geschmolzenes Blei getaucht. »Auf diese Erfindung war ich unheimlich stolz.« Die Scheiben klirren in der Nacht. Der Lohn: ab ins Jesuiten-Internat nach Bad Godesberg. Er ist dreizehn, eingesperrt. Er will nur noch raus. Nur noch weg.
Er lässt sich nicht zähmen, provoziert den Rausschmiss, geht auf ein Gymnasium im Kempen. Sein Traum: eine Erdbeerfarm in Libyen. Mit 17 haut er ab, schafft es bis nach Sizilien. Abgebrannt, fertig, hungernd sitzt er im Konsulat, erhält eine Fahrkarte zurück nach Deutschland als »unerwünschter Ausländer«. Die Eltern erwarten ihn mit Strafen, die jedes Maß vermissen lassen, »doch ich habe mich irgendwie durchgebissen.« Er wird Lehrer für Deutsch und Biologie in Viersen, leitet Pfadfinder- und Waldjugendgruppen. Er entdeckt die Literatur, liest und schreibt gegen den Schmerz seiner Jugenderfahrungen an. »Die schwierigen Jahre« erscheint 1995 bei der Corvinus Presse Berlin. »Für meine Freunde, anlässlich meines 60. Geburtstags« steht zu Beginn des Buches.
Der Mann, der sich »nie mehr hat einsperren lassen«, gewährt anderen Raum, denn er lässt anderes zu. Das vor allem macht den Reiz seiner Zeitschrift Muschelhaufen aus. Die Jahresschrift für Literatur und Grafik, wie es im Untertitel heißt, vereint Bilder und Texte, Prosa und Lyrik, Junge und Alte, Bekannte und Unbekannte, sogar ein Krimi fehlt nicht. Da schreiben so gestandene Autoren wie Ernst Jandl oder James Krüss. Und es ist genauso selbstverständlich, dass die erst 18 Jahre alte Schülerin Vera Milena Meyer in der aktuellen Muschelhaufen-Ausgabe ihre beiden Gedichte »Helios« und »Morgens, bei dir« zum ersten Mal veröffentlicht. Seit 1993 erscheint der Muschelhaufen als Jahresschrift mit zwei Besonderheiten: Alle Texte sind Erstveröffentlichungen, und im Förderabo gibt es es zusätzlich eine signierte und nummerierte Original-Grafik. 1000 Exemplare werden gedruckt, weltweit warten die Leser auf ihre Zeitschrift aus Viersen. Der Muschelhaufen eilt per Flugzeug oder Schiff nach Kanada, in die USA, Schweden, Spanien. Er wird besprochen im DeutschlandRadio, in der FAZ, im Tagesspiegel Berlin, in der Frankfurter Rundschau.
Dabei fing alles so harmlos an. Anfang der 1960er-Jahre fabrizierte Erik Martin gemeinsam mit zwei Freunden etwas, das den Namen Zeitschrift wohl nur bedingt verdiente, und nannte es »Grenzwaldfahrer«. Aus diesem »Mitteilungsblatt“ wuchs nach und nach die Literatur- und Kunstzeitschrift. In der Nummer 16 von 1970, die als erste Ausgabe den Titel »Muschelhaufen« trägt heißt es: »Schillernd bunte, auch schon zerkratzte, manchmal kleine und seltsam verformte Muscheln liegen vor dem Leser, er mag sie öffnen ...«
Und heute? Menschen aus allen Schichten, »von der Hausfrau bis zum Pastor«, öffnen die Muscheln, suchen und finden ihre Perlen. Einer der ersten großen Autoren, der sich von Erik Martins Begeisterung hat anstecken lassen, war Albert Vigoleis Thelen. Er hat zwei Briefe für den Muschelhaufen geschrieben. Bei der Auswahl der Texte und Bilder verlässt sich Erik Martin auf sein eigenes Urteil. Die nächste Ausgabe ist bereits in Arbeit, grönländische Literatur steht auf dem Programm.
Um Nachschub muss Erik Martin nicht bange sein, der Postbote hat eifrig an Manuskripten zu tragen. Wie sehr sein Urteil auch bei den Koryphäen unter den Schriftstellern gefragt ist, zeigt eine Episode mit Günter Kunert: »Ich habe in einem seiner Gedichte einen Fehler entdeckt, eine kleine Unstimmigkeit und das ganz zart angemerkt. Er hat das sofort akzeptiert. Das können nur die ganz Großen. Ganz gelassen sagen: Das stimmt.« •
Den Muschelhaufen gibt es nicht im Buchhandel, sondern nur bei Erik Martin, Hospitalstraße 101, 41751 Viersen, Telefon 02162 52561, E-Mail: martin@muschelhaufen.de, Internet: www.muschelhaufen.de.
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